SonyKaum ein anderes japanisches Nachkriegsmärchen hat Manager in aller Welt so fasziniert wie die wahre Geschichte von Sony. Nur sein Anfang wird selten erzählt. Denn der Anfang spielt im Krieg.
Es stimmt eben nicht, dass die Sony-Geschichte erst in jenem ausgebombten Tokyoter Kaufhaus beginnt, in dem Masaru Ibuka und Akio Morita am 7. Mai 1946 ihre gemeinsame Firma unter dem Namen Tokyo Tsushin Kogyo gründen. So will es die Legende von den harmlosen Basteleien zweier genialer Ingenieure in der Asche des Zweiten Weltkriegs. Doch für die Sony-Väter Ibuka und Morita liegt die entscheidende Begegnung früher – ungefähr zehn Monate vor Hiroshima.Japan schreibt den Herbst 1944: „Beinah jeden Tag zogen die B-29 vorüber, nachdem sie ihre Brand- und Sprengbomben über Tokyo, Kawasaki und Yokohama abgeladen hatten“, erinnert sich Morita in seiner Autobiografie. Zu diesem Zeitpunkt hat der 23-Jährige bereits ein Physikstudium in Osaka abgeschlossen und eine Offiziersausbildung durchlaufen. Worauf er dem wichtigsten Forschungsprojekt der Tenno-Armee zugeteilt wird: einer Spezialeinheit, die mit dem damaligen Rekord-Budget von 200 Millionen Yen thermische Lenkwaffen und Nachtzielgeräte entwickelt. „Ich fand es berauschend, dieser Entwicklungsgruppe mitanzugehören“, schreibt Morita.Der zwölf Jahre ältere Ibuka ist die Schlüsselfigur der Gruppe: ein moralisch engagierter Christ und zugleich ein selbstständiger, zum Ingenieur ausgebildeter Unternehmer im Dienst der Kriegsmarine, dessen wichtigster Erfolg bis dahin die Erfindung des ersten japanischen U-Boot-Suchgeräts ist. 140 seiner Geräte kommen ab Frühjahr 1944 in der kaiserlichen Luftwaffe zum Einsatz. „Ein nach dem Krieg veröffentlichter Bericht zeigte, wie effektiv das Gerät war“, vermerkt die vom Sony-Konzern zum 50-jährigen Jubiläum im Jahr 1996 herausgegebene Firmengeschichte und lobt noch Jahrzehnte später die „Schönheit“ von Ibukas Erfindung. Wie viele amerikanische U-Boot-Fahrer ihr zum Opfer fielen, vermerkt der Jubiläumsband nicht.Ibuka und Morita treffen sich also im Herbst 1944 zum ersten Mal – und zwar als Mitglieder des hoch geheimen „Kriegsforschungskomitees“. Hier, beim aussichtslosen Ringen um das Überleben des kaiserlichen Japans, entdecken die Sony-Gründer ihre später legendäre Kongenialität. „Wir erlebten Tage, an denen wir uns immer besser kennen lernten und näher kamen, ohne uns jedoch unserem Ziel, der Entwicklung des thermischen Suchkopfes, nennenswert zu nähern“, berichtet Morita über seine Kriegszusammenarbeit mit Ibuka. In diesen letzten Kriegsmonaten verbindet die Ingenieure Euphorie und Verzweifelung zugleich. Gemeinsam trachten sie nach dem technisch Unmöglichen – ein späterer Wesenszug des Sony-Konzerns, der immer alles selbst erfinden will. Aus dieser Zeit erhalten aber bleibt auch eine spezielle, zwischen Feindschaft und Freundschaft schwankende Fixierung auf die USA. Sie erst erklärt den Ehrgeiz, mit dem Sony später die Vereinigten Staaten erobert und dort bis heute die Marke ist, die den Amerikanern Umfragen zufolge das größte Vertrauen einflößt.An solche Erfolge ist anfangs jedoch nicht zu denken. „Die Hiroshima-Meldung war für mich unfassbar. Die technologische Kluft zwischen Amerika und Japan war enorm.“Mit dieser Erkenntnis, geprägt von dem Glauben, eben noch selbst an der vermeintlichen Spitze der Waffenforschung gestanden zu haben, beginnt für Morita die Nachkriegsära. Er und Ibuka verlieren keine Zeit: Über familiäre Bindungen – Moritas Vater ist ein angesehener Sake-Brauer, Ibukas Schwiegervater dient nach dem Krieg als Erziehungsminister – gewinnen sie einflussreiche Förderer, die ihnen das nötige Kapital für die Firmengründung im Frühjahr 1946 verschaffen. „Wir müssen die Probleme vermeiden, die große Firmen befallen, indem wir Technologien selbst erfinden und einführen“, erklärt Ibuka in seiner Gründungsansprache. Morita sagt, auf diesen Moment zurückblickend: „Wir wollten neue Produkte, neue, ausgeklügelte Funktionsprinzipien anbieten, also originelle Gebrauchsartikel auf den Markt bringen.“Das alles könnten auch die heutigen Sony-Spitzen unterschreiben. Damals deuteten Ibukas und Moritas Worte zudem auf ihre Rollenverteilung im Unternehmen hin: Der Ältere ist der Erfinder, der Jüngere der Verkäufer. Dabei sind sich Ibuka und Morita von Beginn an einig, dass keiner von beiden allein entscheidet – und legen damit einen wichtigen Grundstein zum Erfolg. Erfunden wird in ihrer Firma bald nur noch, was sich in der ganzen Welt verkaufen lässt.Doch zunächst hat die Firma in Japan einen schwierigen Start. Als erstes Produkt entwirft Tokyo Tsushin Kogyo 1946 einen elektrischen Reiskocher, in dem der Reis jedoch entweder zu fest oder zu weich kocht. Das Gerät kommt nie auf den Markt. Etwas mehr Erfolg ist der Entwicklung eines elektrischen Heizkissens beschert, das sich in der heizungslosen Nachkriegszeit zu bewähren scheint, dann aber regelmäßig für versengte Kleider und Decken sorgt. Schließlich gelingt der Firma 1950 mit der Herstellung des ersten Magnetbandes und des ersten Tonbandgeräts für den japanischen Markt der Durchbruch in Japan. Ibuka und Morita zählen nun etwas mehr als hundert Angestellte – im Grunde ist ihr Unternehmen immer noch klein und unbedeutend. Das ändert sich erst mit dem Tag im Jahr 1953, an dem Akio Morita zum ersten Mal einen Fuß auf amerikanischen Boden setzt. Die Reise führt ihn nach New York zur Unterzeichnung eines Lizenzvertrages mit Western Electric. Der US-Elektroriese verkaufte Morita damals die Rechte an einem kleinen, in den Bell Laboratories entwickelten Bauelement: dem Transistor. „Als ich den Vertrag unterschrieb, erklärten mir die Leute der Western Electric, falls wir Konsumgüter zu transistorisieren gedächten, so kämen als einzige Produkte nur Hörhilfen in Betracht. Natürlich interessierte uns der begrenzte Hörgerätemarkt überhaupt nicht“, erinnert sich Morita später. Man stelle sich also einen japanischen Oberleutnant in New York vor, wie er sich nur acht Jahre nach Kriegsende ins Fäustchen lacht, weil er der Weltmacht für 25000 Dollar eine ihrer wichtigsten Erfindungenen seit der Atombombe abgeknöpft hat. „Ich schwamm auf einer Welle größter Zuversicht“, schreibt Morita – und seine Zuversicht täuscht nicht. Vier Jahre später beginnen sie mit dem Vertrieb des ersten Taschentransistorradios der Welt. Sind Ibuka und Morita bis dahin „im Glauben an die technologische Überlegenheit des Westens groß geworden“ (Morita) – von nun an schreiben sie selbst Industriegeschichte, ist jeder Schritt ein Stück Befreiung von der empfundenen westlichen Dominanz.Auf das damals kleinste Radio der Welt folgen in schneller Reihenfolge der erste volltransistorisierte Direktsichtfernseher der Welt, das erste transistorisierte Videobandgerät, ein neues Farbfernsehsystem namens Trinitron und viele geniale Erfindungen, von denen der Walkman – die Stereoanlage für die Hosentasche – bis heute die Bekannteste ist. Zwar gibt es auch Niederlagen: Weil Ibuka und Morita zu stolz sind, um die Technik ihres selbst erfundenen Video-Formats Betamax an andere weiterzugeben, setzt sich das vom Konkurrenten Matsushita entwickelte VHS-System weltweit durch. Doch bei der von Sony und Philips entwickelten Compact-Disc-Technologie wiederholt man den Fehler nicht: Heute ist die CD überall auf der Welt ein selbstverständlicher Haushaltsgegenstand – und, im Rückblick, der Firmengründer größter Erfolg. „Das CD-Prinzip bedeutet den Beginn einer neuen Ära: Man hört Musik, wie sie original gespielt wurde, und zwar ausschließlich Musik – es gibt keine Bandgeräusche, kein Knistern und Knacken.“ So jubelt ein ergrauter Morita mit jugendlicher Euphorie Mitte der achtziger Jahre – und erweist sich nochmals als Prophet. Denn wer hat seitdem nicht seine Langspielplatten gegen CDs eingetauscht?Doch Forschung und Technik spiegeln immer nur einen Handlungsstrang der Sony-Story. Ein zweiter, ebenso wichtiger Motor des Unternehmens ist der innere Antrieb, den die Firmengründer aus den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs ziehen. Neid und Konkurrenzgefühl gegenüber den USA prägen Ibuka und Morita ebenso stark wie Versöhnungswillen und der Anspruch, vom Westen zu lernen.Schon Ibukas erster Eindruck von der amerikanischen Besatzungsmacht nach Kriegsende, den er sehr viel später in seinen autobiografischen Aufzeichnungen schildert, zeugt von der unbeugsamen Haltung der Sony-Väter: „Ich sah Waffen und Geräte auf den Lastwagenkolonnen der US-Armee durch Tokyo rollen und dachte: ‚Gegen was für ein mächtiges Land hatten wir nur den Krieg geführt! In Zukunft müssen wir Amerika technisch unbedingt ein- und überholen.‘“So ist es zunächst der Gedanke an die Übermacht der USA, der bei der Firmengründung 1946 Pate steht. Doch schon 1957, als Ibuka und Morita ihr erstes Taschentransistorradio auf den Markt bringen wollen und nach einem neuen, eingängigen Firmennamen suchen, erscheinen ihnen die Vereinigten Staaten weniger als Feindesland denn als Zukunftsversprechen. Sie kombinieren deshalb das amerikanische Modewort sonnyboy mit der lateinischen Vokabel sonus, und daraus wird: Sony. Neu an dem Namen ist auch, dass er nicht mehr aufs Japan-, sondern aufs Amerikageschäft zielt. Ibuka und Morita haben erkannt, dass ihr wichtigster Markt, zumal für Neuerfindungen, auf Dauer die Vereinigten Staaten sein werden. Denn wer sich hier durchsetzt, kann in der ganzen Welt bestehen. Diese Einsicht teilen Ende der fünfziger Jahre zwar auch andere japanische Firmen – Toyota lässt gerade seine ersten Pkw über den Pazifik setzen –, aber nur Sony ist bereit, ihr alle Firmenpolitik konsequent unterzuordnen. „Ich muss gestehen, dass wir anfänglich darauf achteten, den Aufdruck ‚Made in Japan‘ so klein wie nur möglich zu halten“, entsinnt sich Morita.Viel wichtiger aber ist, dass der bis dahin weltunerfahrene Japaner das Amerika-Geschäft selbst in die Hand nimmt. In New York wohnt Morita zunächst in billigen Hotels und isst in Automatenrestaurants. Standhaft weigert er sich, ein japanisches Handelshaus zu engagieren, das ihm die Arbeit mit der amerikanischen Kundschaft abnimmt. Stattdessen will er Sony America selbst gründen und holt dafür Frau und Kinder nach New York. Ein Jahr lang proben die Moritas mit zunehmender Begeisterung den American Way of Life, bevor sie ein Todesfall in der Familie zur Heimkehr zwingt. 15 Jahre später, im Jahr 1976, aber wird Newsweek über Morita schreiben, dass er der Mann gewesen sei, der im Alleingang die Vorstellung vom japanischen Geschäftsmann in der Welt verändert habe. Und das ist positiv gemeint. Neben John Lennons Ehefrau Yoko Ono ist damals im Westen kein anderer Japaner so bekannt wie der jüngere der beiden Sony-Chefs. Bei so viel gegenseitiger Bewunderung aber kann es nicht bleiben. Dafür ist Moritas Verhältnis zum Westen von Anfang an zu kompliziert. So schwingt das Pendel im Jahr 1989 wieder zurück mit der Veröffentlichung des Buches Das Japan, das Nein sagen kann, das Morita gemeinsam mit dem nationalistischen Politiker Shintaro Ishihara ver-fasst. Denn nun wird Morita plötzlich zum Buhmann des Westens – nicht ganz ohne Grund: „Wir konzentrieren uns zehn Jahre im voraus auf die Geschäfte, während die Amerikaner nur den Gewinn der nächsten zehn Monate im Kopf haben“, verhöhnt der Sony-Chef die amerikanischen Unternehmer. Sein Buch trägt eindeutig revanchistische Züge. Zur gleichen Zeit übernimmt Sony für eine gewaltige Investitionssumme das Hollywood-Studio Columbia Pictures, und in den USA grassieren Ängste vor der Übernahme durch die Japan AG. Es ist die Zeit, in der Japan seine Nachkriegsbescheidenheit ablegt und sich im unbestrittenen wirtschaftlichen Erfolg sonnt. Sony verkörpert diesen Erfolg, der aber nicht lange anhält.In den neunziger Jahren wird Japan von einer gewaltigen Krise erfasst. Mit ihr kommt Morita zur Altersvernunft. „Wenn Japans Wirtschaftssystem auch viele empfehlenswerte Seiten aufweist, befindet es sich doch einfach zu wenig im Einklang mit dem Westen“, wägt er 1993 in der Zeitschrift Atlantic Monthly sein Urteil ab. Zugleich empfiehlt er seinem Land kürzere Arbeitszeiten wie im Westen und dem Westen mehr Arbeitsdisziplin wie in Japan. Nach einem Leben in Krieg und Konkurrenz zum Westen klingt das versöhnlich. Wenig später erleidet Morita einen Schlaganfall, von dem er sich bis zu seinem Tod 1999 nicht mehr richtig erholen wird. Ibuka, der sich in den letzten Jahren seines Lebens mit traditionellen asiatischen Heilmethoden beschäftigte, ist bereits zwei Jahre zuvor gestorben.Quelle: Zeit Online www.zeit.de |